Montag, 14. März 2011

Hong Kong hochgestapelt

Auch das ist Hong Kong: Unzählige Leuchtreklamen...
Wohnsilos. Hunderte davon. Eines hässlicher als das andere. Millionen Menschen hochgestapelt. Das ist Hong Kong außerhalb des inneren Zentrums. Das ist Hong Kong, wenn man mit einer der herrlich altmodischen Doppeldecker-Straßenbahnen bis zur Endhaltestelle fährt. Hier gibt es keine Banker in grauen Anzügen, hier tummeln sich die Bewohner der Wohnsilos auf den Straßen. Es ist Markt, hunderte sind unterwegs, um Lebensmittel zu kaufen. Es ist wuselig, laut und eng. 

Es ist ein wohltuender Kontrast zur glitzernd-kühlen Fassade, die sich die Stadt im Zentrum zugelegt hat. Die ist fast schon ein bisschen langweilig. So viel Stahl und Glas, wie wohl in jedem Finanzzentrum dieser Welt... Zugegeben, schaut man vom Stadtteil Kowloon über die Meerenge auf die gegenüberliegende Hong Kong Island, ist die Szenerie imposant, bei Nacht sogar spektakulär. Die riesigen Reklametafeln, die illuminierten Hochhäuser, dazu Laser-und Schweinwerfer-Effekte bei der allabendlichen Lichtershow - ob einem das gefällt oder nicht, es ist einzigartig. Ein Hingucker!

...und unzählige Wohn-Silos.
Ich bin indes weniger feudal untergebracht. In einem 15-geschossigen Riesenhaus im Zentrum von Kowloon, errichtet vermutlich in den 60er-Jahren. Meine Herberge nimmt einen bescheidenen Teil der dritten Etage ein. Zu erreichen über zwei kleine, hoffnungslos überlastete Aufzüge. Man muss fünf Minuten Schlange stehen, um ein Plätzchen im Winz-Lift zu ergattern. Mein Bett steht in einem kleinen fensterlosen Zimmerchen mit gekachelten Wänden. Im platzsparenden Bauen sind die Hong Kong-Chinesen offenbar wahre Meister.

Aber zum Schlafen ist es okay und ich bin ohnehin nur drei volle Tage hier in der Stadt. Ein Großteil dieser Zeit geht übrigens fürs Internet drauf. Zum einen verfolge ich intensiv der Verlauf der Katastrophe in Japan, die mich womöglich zur Änderung meiner Reiseroute zwingt. Zum anderen will ich so viel wie möglich erledigen, bevor ich morgen nach China fliege. Keine Ahnung, ob und wie viel Internet es dort überhaupt gibt. Also sauge und sende ich nochmal Daten, was die Leitungen her geben. Fast komme ich mir vor wie ein Süchtiger, der an seiner letzten Zigarette nuckelt...

Sollte der Blog an dieser Stelle enden und nicht aktualisiert Dann melde ich mich aus Japan wieder - oder wohin immer mich British Airways umbuchen lässt. Vorsichtshalber sage ich einfach mal: Tschüss und bis bald!

werden, dann war es mit der Internet-Zensur noch schlimmer als gedacht.
Herrlicher Blick vom Peak auf den Sonnenuntergang.

WAS SONST NOCH WAR

Merke: Man wird in Hong Kong nicht verstanden, wenn man nach Chinatown fragt.

Andere Länder, andere Sitten: Manche davon sind freilich schwer zu verstehen. So wie die Angwohnheit vieler Asiaten zwischen Malaysia und China, nicht nur regelmäßig und völlig ungeniert auf die Straße zu rotzen, sondern jene Masse zuvor auch noch lautstark aus den tiefsten Tiefen des Körpers zu befördern. Unfassbar, welche Geräusche Menschen produzieren können! Die Damen der Schöpfung liegen in dieser Disziplin übrigens gleichauf. Unerhört? Schön wär's!

Freitag, 11. März 2011

Verschnaufpause in Bangkok

Zwei Tage Bangkok. Verschnaufpause bei Guido, bevor heute Abend mein Flieger nach Hong Kong startet. Gerade noch rechtzeitig kam auch die neue Kreditkarte an. Es kann also weitergehen.

Vor Abflug war ich noch ein bisschen einkaufen, Klamotten sind in Thailand sehr günstig. Vor allem T-Shirts gibt's in allen Formen, Farben und mit jedem nur erdenklichen Aufdruck. Auf dem Nachtmarkt von Silom besonders beliebt sind blöde Sprüche. Mein Favorit in der nach unten offenen Geschmacks-Skala:

"No, don't want a f*?kn Tuk Tuk, Suit or Massage."

Leider gibt's kein "Herrgott, schmeiß Hirn vom Himmel"-Shirt.

Mittwoch, 9. März 2011

Heile Welt in Siem Reap

Baum überwuchert Gebäude: der Ta Prohm-Tempel unweit von Angkor Wat.
Kambodscha ist ein geschundenes Land. Zwar wird seit einigen Jahren relativ wenig geschossen, auch weil sich die Roten Khmer mittlerweile aufgelöst haben, aber längst ist nicht alles in Ordnung. Korruption, Armut, Kinderarbeit, mangelhaftes Rechtssystem, die Lebenserwartung immer noch unter 60 - nur einige Stichwörter von vielen. Bloß in Siem Reap herrscht heile Welt. Für die Touristen. Sie kommen in Strömen, um die heiligen Tempel um Angkor Wat zu sehen, die sich ganz in der Nähe befinden.

Es sind derart viele, dass Macchu Pichu dagegen fast wie eine öde Einsiedelei wirkt. Bart und ich fangen mit einem Sonnenuntergang an: Als heißer Tipp wird eine auf einem Hügel gelegene Tempelanlage westlich von Angkor Wat gehandelt, dort soll der Sunset besonders schön sein. Der Tipp ist so heiß, dass sich dort oben die Menschen, weil es so voll ist, beinahe gegenseitig herunterschubsen. In nur fünf Minuten bin ich ungewollt mehrere Dutzend Male "aus Versehen" mitfotografiert worden - es ist unmöglich, allen Kameras aus dem Wege zu gehen. Etwas frustriert fahren wir vorzeitig zurück in den Ort.

Gedrängel auf Tempel: Hunderte warten auf den Sunset...
...manchem Beobachter entgleiten derweil die Gesichtszüge.
Dort lernen wir die Pub Street kennen, die ist, wie sie heißt - eine Kopie der einschlägigen Vergnügungsmeilen von Playa del Ingles bis Patong Beach. Dass sie sich mitten in Kambodscha befindet, merkt man allenfalls an den verstümmelten Minenopfern, die auf der Straße musizieren und um Spenden bitten.

Durch diese heile Welt muss man also durch, wenn man das Unesco-Weltkulturerbe mit den dutzenden Tempelanlagen sehen will. Diese freilich lohnen sich, vor allem an den beiden folgenden Nachmittagen kommen wir auf unsere Kosten. Während sich die meisten anderen Touristen zum Sonnenuntergang auf irgendeinem anderen heiß gehandelten Aussichtspunkt versammeln (obwohl die Sonne regelmäßig schon eine halbe Stunde vor Termin in den Wolken verschwindet), genießen wir es, beinahe allein durch andere Tempelruinen zu spazieren. Mitten im Wald, in leichtem Dämmerlicht, bezaubernd! Mehrmals fühle ich mich an die Maya-Ruinen in Mexiko und Guatemala erinnert.

Fisch-Spa: Die kleinen Kerle kitzeln mächtig.
Ansonsten versuchen wir erst gar nicht, der rummeligen Parallel-Welt in Siem Reap zu entgehen, sondern stürzen uns mitten hinein. Womöglich haben wir nach Vientiane noch Nachholbedarf... Hier versuche ich auch etwas, was es in Thailand an jeder Ecke gibt, ich aber noch nie probiert habe: Fisch-Spa. Ich tunke meine Füße also in ein Aquarium mit vielen kleinen beziehungsweise mittelgroßen Putzerfischer. Die machen sich auch prompt an die Arbeit. Das kitzelt derart arg, dass es mich beinahe zerreißt. Ansonsten ist die Sache zwar absolut nutzlos, aber den Lacher war's wert...

Heute morgen haben sich dann unsere Wege nach einer gemeinsamen Woche wieder getrennt: Bart fährt weiter nach Vietnam, ich zurück nach Bangkok zu Guido. Der Umweg hat zwei Gründe: einerseits geht es wegen meines China-Visums nicht anders, zum anderen wird meine neue Kreditkarte zu Guidos Adresse geschickt. Ob sie wohl rechtzeitig dort ankommt?

Sonntag, 6. März 2011

Unter Hammer und Sichel

Aufmarsch-Allee in Vientiane, Hauptstadt der demokratischen Volksrepublik Laos, im Hintergrund der Triumph-Bogen.
Laos ist ein semi-sozialistisches Land. Erst spät, nach Ende des Vietnam-Krieges 1975, wurde es kommunistisch. Und schon elf Jahre später begann man notgedrungen mit ersten marktorientierten Reformen. Seitdem versucht Laos eine Mischung aus beidem, was dabei herausgekommen ist, fühlt sich für mich an wie eine bizarre Mischung aus Kuba und Thailand. Besonders stark ist dieser Eindruck in der Hauptstadt Vientiane.

Bevor ich die erreiche, ist aber erstmal fremdschämen angesagt. Wie in anderen Teilen der Welt auch, hört man in laotischen Überland-Bussen gern einheimische Folklore in bemerkbarer Lautstärke. Okay, wenn man sonst nur westlichen Pop-Honig im Ohr hat, mag das extrem befremdlich wirken. Aber dass die westlichen Traveller, die bestimmt die Hälfte der Reisegäste ausmachen, applaudieren, da die Musik zwischendurch mal stoppt, ist einfach nur peinlich.

Sozialistische Folklore im National-Museum.
Hammer und Sichel. Gelb auf rotem Grund. Überall. Die ganze Stadt hängt voll davon. Ich fange an zu glauben, Laos habe womöglich 1991 alle restlichen Flaggen-Bestände der UdSSR aufgekauft. Auf dass wir auch in 100 Jahren noch rote Fähnchen hissen können... Auch sonst hat die Stadt einiges von einer sozialistischen Kapitale: eine überbreite Aufmarsch-Allee, Marx- und Lenin-Portraits im National-Museum und einen Triumphbogen, über dessen architektonische Qualität man beim besten Willen nicht streiten kann.

Ich erkunde die Stadt zusammen mit Bart aus Warschau. Ich habe den Piloten einer polnischen Airline in Luang Prabang kennen gelernt. Er hat sich vor kurzem von seiner Freundin getrennt und genießt jetzt die Freiheit, alleine durch Indo-China zu reisen. "Das hätte sie nie mitgemacht", sagt er - und wirkt dabei ebenso erleichtert wie gut gelaunt. Wir verstehen uns auf Anhieb prima, in einer Art, wie es das nur selten gibt. Manchmal reicht ein Blick, um uns zu verständigen.

Das ist viel wert, besonders wenn man sich in einem derart ungewohnten Umfeld bewegt. Da ist etwa die gewöhnungsbedürftige Service-Mentalität offenbar staatlich gelenkter Branchen. Wir gehen in ein Reisebüro, um einen Flug nach Kabodscha zu buchen. Doch die beiden Mitarbeiter, die offenbar gerade ihr Mittagessen beendet haben, sehen sich nicht veranlasst, uns irgendwie weiterzuhelfen. "Flight is full", lautet die prompte Antwort auf unsere Bitte. Doch wir lassen uns nicht abwimmeln. Das sei völlig unmöglich, noch vor einer Viertelstunde sei der Flug im Internet als verfügbar angezeigt worden. Und so weiter und so weiter... Nach einiger Diskussion sehen die Kollegen doch ein, dass man uns schneller los wird, wenn man uns bedient. Eine weitere Viertelstunde später haben wir die Tickets.

Mönche beim Foto-Shooting.
Hammer und Sichel schmücken auch das Pressehaus.
Skurril auch das Nachtleben. Die reguläre Sperrstunde für Bars und Discotheken ist auf 23 Uhr (!) festgesetzt. Während in Europa die Teenies noch zu Hause vor dem Spiegel stehen, ist in Laos schon Schluss. Immerhin, einige wenige ausgewählte Läden dürfen länger öffnen, bis zwei oder drei Uhr nachts.

Zum Beispiel der hauseigene Club in einem der größeren Hotels am Platz. Dort stehen die Gäste - wie auch in den anderen Discotheken - um Stehtische herum. Eine Tanzfläche gibt es nicht. Wer zappeln will, tut das zwischen Hockern und Tischen. Die ganze Szenere wird nicht nur merkwürdig fremd, sie ist auch nicht eben kommunikativ. Die meisten Grüppchen bleiben unter sich.

Es sind diese Besonderheiten, die den Aufenthalt in der Hauptstadt am Mekong interessant machen. Denn ansonsten hat Vientiane nicht viel zu bieten. Alles wirkt ein bisschen provinziell und muffig. Ein heißer Kandidat im Wettbewerb "Langweiligste Haupstadt der Welt". Immerhin gibt es eine gute und vielfältige Restaurant-Szene, günstige Massage-Studios und einen kleinen Nachtmarkt. Das alles erinnert an das nahe Thailand jenseits des Mekongs und sorgt dafür, dass die Stadt trotz der vielen Hammer und Sicheln auch ein anderes Gesicht hat.

Wir verlassen die demokratische Volksrepublik schließlich mit einer russischen M60-Maschine von Laos Airline. Ich finde sie ja nicht so ganz vertrauenserweckend. Aber da Bart nach interessierter Musterung ohne Bedenken einsteigt, folge ich ihm einfach. Manchmal ist es ja doch ganz gut, einen Piloten an seiner Seite zu haben...  

Freitag, 4. März 2011

Ein Strom wie ein Traum

Traumhaft: Der Mekong bei Luang Prabang.
Laos hat nichts. Kaum Bodenschätze. Wenig Industrie. Und keine besonderen Touristenattraktionen. Außer Luang Prabang. Die alte Königsstadt ist für europäische Verhältnisse eher eine Kleinstadt mit ihren knapp 50.000 Einwohnern - und doch auch die viertgrößte Stadt des Landes.

Vor allem aber ist sie hübsch. Liebevoll restaurierte Häuser, alte Tempel, eingebettet in eine wunderschöne Landschaft, das macht einigen Reiz. Direkt am Mekong gelegen, duckt sich die Stadt niedrig hinter den Bäumen weg, und auch sonst ist die Flusslandschaft nicht zugebaut. Ein Traum: Es sieht aus, als würde der Strom wie seit Urzeiten völlig unberührt dahinfließen.

Kontraste: Touristen-Viertel in Luang Prabang...
...und eine Bäuerin bei der Feldarbeit.
Der fein herausgeputzte Ort steht damit freilich in großem Kontrast zum Rest des Landes, das zu den ärmsten der Erde gehört. Immerhin: Es gibt genug zu essen, keiner muss verhungern. Aber die Infrastruktur ist auf einem ziemlich erbärmlichen Niveau. Das gilt für alle Bereiche: das Gesundheitswesen (die Lebenserwartung liegt laut Wikipedia bei 54 Jahren), die Kommunikationstechnik (Wifi ist auch in den größeren Orten quasi unbekannt) oder etwa die Verkehrsinfrastruktur (nicht mal 15 Prozent des Straßennetzes sind überhaupt asphaltiert).

Letzteres erlebe ich hautnah. Der Nachtbus nach Luang Prabang hat seine erste Panne 500 Meter nach Abfahrt. Nach einer Stunde Wartezeit geht es dann weiter auf die extrem kurvenreiche Strecke durch die Berge. Um eine Distanz von 217 Kilometern Luftlinie zu überwinden, haben wir schließlich elf Stunden gebraucht.

Was sonst noch war

Trauma mit Hut. Ich habe die seltsame Angewohnheit, Käppis zu verlieren. Mittlerweile nimmt die Sache skurrile Ausmaße an. Zuletzt hatte ich es in Boliviens Hauptstadt La Paz gewagt, eine trendy Kopfbedeckung zu kaufen. Fünf Stunden später vergaß ich sie in einem Reisebüro. Vorläufiger Höhepunkt einer ganzen Reihe von Verlusten. Als ich dann kurze Zeit später in der bolivianischen Salzwüste dringend einen Hut als Sonnenschutz brauchte, war ich gezwungen, das einzig gerade verfügbare Exemplar zu kaufen: einen potthässlichen Touristen-Deckel, Marke Tante Gerda.

Hut: Hässlich, aber nicht los zu werden.
In den folgenden Monaten habe ich oft darüber nachgedacht, diese optische Zumutung wegzuwerfen. Stattdessen habe ich darauf vertraut, dass ich das Ding ja sowieso irgendwann verlieren werde. Pustekuchen. Der Deckel bleibt mir treu. Das neue Käppi, das ich in Luang Prabang zu kaufen gewagt habe, habe ich hingegen schon nach ein paar Stunden wieder verloren. So was nennt man wohl eine selbsterfüllende Prophezeiung... Gemein!

Dienstag, 1. März 2011

Zzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzip

Es ist fast wie fliegen. Scheinbar schwerelos gleite ich über das Tal. Etwa 30 Meter unter mir windet sich ein kleiner Fluss durch den Urwald. Links und rechts sind bewaldete Berge zu sehen. Zzzzzzzzzzzzzzzzzip, nach 20 Sekunden habe ich wieder festen Boden unter den Füßen. Willkommen zum Gibbon Experience in Laos!

Mit den Affen hat alles angefangen. Gibbons gucken, das war wesentlicher Bestandteil eines innovativen Konzeptes, mit dem der Dschungel vor Raubbau geschützt werden sollte. Seit 2004 ist die Organisation Animo von der laotischen Regierung damit betraut. Mitten im Urwald wurden mehrere Baumhäuser gebaut, von denen aus man Gibbons sehen und hören kann. Wenn denn welche da sind. Das aber ist offenbar immer seltener der Fall, wenn man den einschlägigen Internet-Kommentaren glauben darf. Womöglich haben die vielen menschlichen Besucher die Affen verschreckt?


Bis zu vier achtköpfige Gruppen sind gleichzeitig auf dem Areal unterwegs. Wer mitmachen will, muss sich Tage im Voraus anmelden, denn die Touren sind auch ohne Gibbons überaus beliebt. Der Grund: Der Urwald ist durchzogen mit Zip-Lines. Dabei handelt es sich um eine Art Seilrutsche, ähnlich den Tarzan-Seilbahnen auf deutschen Spielplätzen. In der Erwachsenen-Version sind die Seile allerdings mehrere hundert Meter lang und über ganze Täler gespannt. Man hängt in einem Harness am Seil, eine Hand liegt auf der Bremse. Wer sie dort nicht hat, droht am Ende des Seils gegen einen Baum zu knallen. Es heißt, das passiere öfter.

Das Baumhaus ist nur per Zip-Line erreichbar.
Das ist die Schattenseite. Das Licht sieht so aus: Es ist ein Riesen-Spaß, sich auf diese Weise fortzubewegen. Fliegen ist toll! Kreischend und jauchzend rauschen die Touristen durch den Regenwald. Kein Wunder, wenn die Gibbons ruhigere Gegenden bevorzugen. Wir jedenfalls sehen keine und hören auch keine...

Das tut dem Spaß freilich keinen Abbruch. Zumal der Abenteuer-Faktor noch erheblich durch unsere Unterkünfte gesteigert wird. Wir schlafen in zwei- bzw. dreistöckigen Baumhäusern, bestimmt 20 Meter über dem Boden. Auch sie sind nur per Zip-Line erreichbar. Der Clou: Es gibt sogar fließend Wasser, geduscht wird mit kilometerweitem Blick über den Dschungel. Essen und Getränke "fliegen" unsere Tour-Guides aus nahe gelegenen Küchen ein, die von Einheimischen betrieben werden.

Und so wandern und gleiten wir durch den Dschungel. Zweieinhalb Tage dauert der Spaß, dann schweben wir zurück in die Zivilisation. Ebenjener hat allerdings auch einen stolzen Preis. 220 Euro sind für laotische Verhältnisse ziemlich gepfeffert. Immerhin versprechen die Organisatoren, den Gewinn zum Schutz des Urwaldes einzusetzen. Ich hoffe mal, dass das stimmt. In diesem Fall hätte die ganze Sache sogar dann einen Sinn, wenn die Kritiker recht haben. Und zwar jene, die meinen, es handele sich beim Gibbon Experience nur um einen verkappten Funsport-Park. So oder so: Gibbons werde ich wohl erst beim nächsten Besuch im Zoo zu sehen bekommen...

Homepage vom Gibbon Experience

Im Baumhaus gibt's gar fließend Wasser, geduscht wird mit Blick auf den Urwald (hinter dem Bretterverschlag im Bildhintergrund).

Samstag, 26. Februar 2011

First Foto, then looking!

First looking oder first Foto? Verhandlungsgespräche zwischen Tourist und Longneck-Frau.
Es gibt gute organisierte Touren. Die in Australien zur Grand Ocean Road war so eine. Reiseleiterin, Gruppe, Programm, alles hat gestimmt. Vorteil solcher Fahrten: Sie sparen Zeit. Und die ist knapp. Nur zwei Tage habe ich in Chiang Mai. Den einen erkunde ich die Stadt in Thailands Norden zu Fuß, den anderen mache ich eine Tour ins Umland. Die freilich gehört zur Sorte "besser nicht".

Ob in Ägypten, Malaysia, Mexiko oder Gambia: Diese Touren sind auf der ganzen Welt gleich - Verkaufsveranstaltung reiht sich an Verkaufsveranstaltung, unterbrochen von der Massenabfütterung am Buffet und einen hochnotpeinlichen Besuch in einem Eingeborenendorf.

Auf Donsao gibts vor allem Ladenhüter zu kaufen.
Wenn man in eine solche Tour gerät (weil man womöglich zu faul war, sich vorher besser zu informieren), hilft nur noch eines, um den Tag seelisch unbeschadet zu überstehen: blanker Zynismus.

Fangen wir also mit den Mit-Reisenden an. Da ist etwa das Pärchen, deren Kleidung kontroverse Botschaften vermittelt. Er trägt eine grüne Mütze mit rotem Kommunistenstern. Sie ein rotes T-Shirt, auf dem fett der Markenname Abercrombie prangt. Sicherlich haben die beiden spannende politische Diskussionen bei Tisch: "Alle Menschen sind gleich!" Darauf sie: "Ich find' Abercrombie aber toll!" Okay, es kann auch sein, dass beide einfach noch keinen Gedanken daran verschwendet haben, was sie warum anziehen. Das hätten sie dann mit denjenigen gemeinsam, die sich mit dem ewig gleichen Che Guevara-Konterfei schmücken. Gleich, ob es auf Mützen, Shirts oder Taschen prangt, die Botschaft ist immer dieselbe: Man tickt links. Das sei auch jedem gegönnt. Aber ein Mörder und Stalin-Verehrer taugt nicht zur Heldenverehrung. Das jedoch nur mal so am Rande...

Sehr lieb gewonnen habe ich auch ein anderes Paar. Durch einen kurzen Dialog haben sie mir den Tag verschönt. Er ereignete sich im Dorf der Longneck-Menschen. Dabei handelt es sich um ein Völkchen, das sich traditionell durch das Anlegen metallener Ringe die Hälse verlängert. Es stammt angeblich aus Myanmar, hat sich aber aus politisch-wirtschaftlichen Gründen in Thailand angesiedelt. Dort betreibt man eine Siedlung aus Verkaufsständen, die aus zwei Teilen besteht. Hüben dürfen die sparsamenTouristen einkaufen, bedient von Frauen mit normal langen Hälsen. Nur wer 200 Baht drauflegt, darf über den Fluss nach drüben, wo die Longneck-Frauen verkaufen.

Sonnenklar: Eine peinliche Situation jagt die nächste. "Looking!", fordert eine Longneck-Frau das Touristen-Pärchen auf, näher an die Ware heran zu treten. Die wollen aber bloß ein Foto von der Frau machen, antworten daher: "First Foto, then looking!" Einfach legendär das...

Erinnerungsstück auf Holzdeckel: Muss das sein?
Eine weitere Verkaufssiedlung gibt es auf der Mekong-Insel Donsao, die zu Laos gehört und die wir per Ausflugs-Boot erreichen. Um den Touris das Geldausgeben zu erleichtern, darf man völlig ohne Ein- oder Ausreiseformalitäten dorthin. Hauptsache der Rubel, pardon: der Kip rollt.

Kurios: In diesem Dorf hat man sich offenbar auf Ladenhüter spezialisiert. Viele der feilgeboteten Waren ruhen unter einer dicken Staubschicht. So etwa die Briefmarken-Sets (sammelt noch irgendjemand Briefmarken?), die Lacoste-Shirts (trägt noch irgendwer Lacoste?) oder die Postkarten mit Gilb-Rand (verschickt noch jemand... *ganzlauthust).

Zur Krönung des Tages gibt es dann noch was Persönliches: Beim Weg zum Boot wurden alle Reiseteilnehmer abgeknipst und das jeweilige Konterfei anschließend auf einen runden Holzdeckel geklebt, umrahmt von allerlei Folklore-Motiven. Das Ganze ist für nur 100 Baht käuflich zu erwerben. Und wieder war ich zu schwach...

Mir reicht's, genug davon! Ab nach Laos!

Wat Pra Singh-Tempel in Chiang  Mai.

Mittwoch, 23. Februar 2011

China üben

Im Longshan-Tempel in Taipeh wird inmitten bunter, beleuchteter Papp-Figuren gebetet.
Bilaterale Beziehungen pflegen. Den eigenen Staatsbürgern helfen, den anderen die eigene Kultur erklären. Das sind die Aufgaben einer Botschaft, dachte ich bisher. Jetzt lerne ich es besser. "Visum für China, macht 55 Euro, bitte sehr!" Paling, die Kasse klingelt. "Danke, der Nächste bitte! Ein US-Amerikaner? Für Sie nur 130 Euro!" Paling. "Danke, der Nächste bitte!" Und so stehen sie alle in der langen Schlange, um in der chinesischen Botschaft in Bangkok ihr Geld abzuliefern. Und ich mittendrin. Paling, fast ein ganzes Tagesbudget ist auf einen Schlag weg. Damit die Staatsbediensten innerhalb von ein paar Stunden ein Stück Papier in den Pass kleben, das es in Ländern wie Thailand kostenlos gibt. 55 Euro nur fürs Einfach-Visum, für die anderen Varianten sind die Preise nach oben offen. Dagegen war der Eintritt in die DDR fast schon ein Schnäppchen.

Prost: Guido und ich stoßen in der Business Class an.
Aber meine finanziellen Maßstäbe geraten dieser Tage sowieso ins Wanken. Ich besuche meinen alten Freund Guido, der in Bangkok Karriere bei einer deutschen Touristik-Firma macht. Und mit einem Schlag bin ich in einer anderen Welt. Eben noch in der Sechs-Euro-Kabine in Georgetown ohne Intimsphäre und ohne Steckdose, schlafe ich jetzt in Guidos Gästezimmer mit eigenem Bad. Eben noch mit 20-Kilo-Rucksack hinten auf dem Taxi-Roller, fläze ich mich nun auf der Rückbank der Firmen-Limousine. Eben noch mit einem Händler um zehn Baht gefeilscht (ungerechnet knapp drei Cent), finde ich mich sogleich in einer gediegenen Bar bei Cocktail und Nüsschen wieder.

Hier trifft sich der Herr Direktor mit Kollegen zum Feierabendbier. Die Gespräche drehen sich darum, wie viel man seiner Putzfrau zahlt, welcher Fahrer am unzuverlässigsten ist und welcher Schneider am besten. Mir wird ganz schwindelig...

Aufstell-Fläche in der U-Bahn Taipeh: So viel Ordnung muss sein.
Und das ist erst der Anfang. Guido will übers Wochenende nach Taipeh fliegen, und nimmt mich mit. KLM Business Class, upper deck. Ich mache Bedenken geltend, bestehe auf Economy. Sie werden vom Tisch gewischt mit der Begründung, er habe keine Lust alleine in der Lobby zu sitzen. Das erinnert mich an die britische Comedy Absolutely Fabulous, als Patsy eine U-Bahnfahrt mit den Worten ablehnt, sie "habe nichts anzuziehen für die Öffentlichen."

Nachdem der Service an Bord fachmännisch gewürdigt, die fehlende First Class-Immigration am Flughafen von Taipeh beklagt und der Fahrer wegen Verspätung gerügt wurde, kann das Abenteuer Taiwan losgehen. Mitte März will ich die Volkrepublik bereisen, hier in der Republik kann ich jetzt schon mal üben. China üben.

Übung 1: Orientierung. Die Aufgabe ist gar nicht so schwer: Finde in der Innenstadt mit Hilfe eines Stadtplans zurück zum Hotel. Das Ergebnis ist verheerend. Zwei Stunden laufen wir vergeblich im Kreis. Zwar gibt es Schilder in chinesischer UND lateinischer Schrift, aber nicht genügend. "Hier waren wir schonmal", wird zur geflügelten Phrase.

Übung 2: Taxifahren. Hierbei stellen wir uns klüger an. Wir lassen uns im Hotel die Zieladresse in Mandarin auf einen Zettel schreiben. Dummerweise lässt uns der Fahrer trotzdem vor dem falschen Haus raus. Jetzt stehen wir im Dunkeln hilflos in einer unbekannten Gegend. Da spricht ein freundlicher und des Englischen kundiger Chinese die verunsicherten Langnasen an - und kann ihnen sogar den richtigen Weg weisen. Schwein gehabt.

Ohne Panzer lebend gestapelt: Schildkröten fertig zum Verzehr.
Übung 3: Essen. Ganz haarige Angelegenheit. In Thailand habe ich in Zweifelsfällen einfach auf die Bilder in den Speisekarten oder auf die Teller anderer Gäste gedeutet, wenn ich etwas wollte. Da ich auch weiterhin keine Schweineohren, Hühnerfüße oder Innereien essen will, fällt diese Methode in China aus. Besonders übel sind die Restaurants, in denen die lebenden Tiere noch durch die Scheibe auf den Teller glotzen, bevor sie gebraten oder fritiert auf ebenjenem landen - so wie die Schlangen, Ratten und gestapelten Schildkröten, schon ihres Panzers entledigt, die wir sahen... Unfassbar! Unessbar! Inzwischen stelle ich mir ernsthaft die Frage, ob es in Peking wohl McDonalds gibt. Guido und ich haben in einer Pizzeria gegessen.

Trotzdem kommen wir im Großen und Ganzen gut durch. Rheinländer auf Reisen: Et hätt noch immer jot jejange... Wir schaffen es zur Chiang-Kai-Shek Memorial Hall (Verherrlichungstempel nach kommunistischem Vorbild), zum Taipeh 101 (zweithöchstes Gebäude der Welt, das mich übel geschwankt hat) und zum Longshan-Tempel, in dem die Gläubigen inmitten buntleuchtender Pappfiguren beten.

Auch fast noch lebendig: Chiang Kai Shek in Wachs.
Und das war es dann auch schon. Nach einer Woche in Bangkok und Taipeh ist meine Zeit mit Guido schon wieder vorbei. Mein nächstes Ziel ist Chiang Mai, auch dort wartet ein Freund auf mich: Schmalhans. Quasi auf den letzten Metern in Bangkok ist mir nämlich meine Kreditkarte abhanden gekommen. Nun reise ich vorerst mit geliehenem Geld weiter und muss finanziell kräftig auf die Bremse treten. Vielleicht sollte ich demnächst einfach mal eine Botschaft eröffnen!?

Dienstag, 15. Februar 2011

Die deutsche Brille

Willkommen im Ich: Erst in der Fremde merke ich, wie Deutsch ich eigentlich bin. Nie etwa hätte ich für möglich gehalten, dass ich einmal deutsches Essen vermissen würde. Grünkohl, Kasseler, Currywurst, allein bei dem Gedanken läuft mir das Wasser im Munde zusammen. Auch bin ich ganz heiß auf deutsche Zeitungen und Zeitschriften - obwohl ich regelmäßig Tagesschau per Internet sehe. Und auch wenn sich mein Englisch in den vorigen Monaten verbessert hat, so ist es doch nach längerer Zeit immer wieder schön, meine Muttersprache sprechen und mich uneingeschränkt ausdrücken zu können.

Deutsche Zeitungen in Thailand.
Was mich mit anderen Deutschen verbindet - und von ihnen trennt, das fällt mir besonders jetzt in Patong Beach auf, wo ich noch einmal für zwei Tage Station mache, bevor es per Nachtbus weiter nach Bangkok geht. Zwischen dem deutschen Juwelier Gems, der "Erdinger Tankstelle bei Robert" und "Uwe's Travel Agency" ("Deutsche Zuverlässigkeit!") rückt mir das alles wie in einem Brennglas ins Bewusstsein. Und so sehr mich meine Landsleute manchmal auch anwidern mögen: Es gibt doch ein unsichtbares Band, das ich mit Menschen aus anderen Ländern nicht habe.

Es ist die Kenntnis deutscher Kultur, deutscher Werte und deutscher Geschichte. Dabei spielt es keine Rolle, wie man dazu steht. Leidkultur oder Leitkultur? Stolz auf die Heimat oder beschämt über ihre Geschichte? Großartig ordentlich oder grässlich kleinlich? Hartz IV? Über diese Fragen überhaupt nur nachzudenken, macht schon einen Teil des Deutschseins aus. Denn von all dem weiß man auf der anderen Seite der Erde so gut wie gar nichts.

Was aus Deutschland ist den Menschen in Lateinamerika geläufig? Oder in Australien? Oder in Singapur? Da gibt es nur Weniges. Allen voran das Wort "Kindergarten", das überall zum Wortschatz gehört. Dann ein paar Automarken, BMW scheint fast noch präsenter als Daimler oder VW. Andere bekannte Firmen sind DHL, vielleicht noch Siemens. Ansonsten wird Deutschland noch mit Bier assoziiert (obwohl es deutsches Bier gar nicht so oft gibt, belgisches oder mexikanisches ist viel weiter verbreitet) und natürlich mit Fußball - manchmal Beckenbauer, manchmal Schweinsteiger.

Aber dann ist auch schon Schluss, alles darüberhinaus ist Spezialwissen. Kein Wunder, Deutschland spielt in den Medien auf der anderen Seite der Welt keine große Rolle. In Patong finde ich im Blatt "The Nation" (Ausgabe von gestern) immerhin eine Kurz-Nachricht über die Absicht der Regierung, auch Ausländer in der Bundeswehr einzusetzen. Warum ausgerechnet diese Meldung ausgewählt wurde und keine andere? Ich habe nicht die geringste Idee...

Nur eines ist mir bewusster denn je: Ich bin tatsächlich sehr deutsch - im Denken und im Wesen, ob ich es will oder nicht.

Juweliergeschäft in Patong Beach.
Update am 18. Februar: Bin gerade am Flughafen in Bangkok, hatte mich so gefreut, hier endlich mal wieder einen Spiegel kaufen zu können. Die letzten beiden Male sind schon lange her (im Oktober konnte ich für 20 Euro eine Ausgabe in Kolumbien kaufen, im November haben mir Freunde zwei Ausgaben nach Chile mitgebracht - alle habe ich Zeile für Zeile verschlungen). Jetzt die Enttäuschung: Die einzige deutschsprachige Lektüre, die am Airport zu haben ist, sind zwei Wochenblätter für Urlauber und Deutsche, die in Thailand leben.

"Der Farang" titelt mit "Aufschwung am Immobilienmarkt", im Innenteil wirbt die "Fahrenheit a go go"-Bar in Pattaya mit dem Slogan "Kühles Bier, heiße Girls". Boulevardesk die Aufmachung des Tip (Zeitung für Thailand): "Zwangsarbeit in Bangkok. Ukrainer wurde 14 Jahre gefangen gehalten!" Im Innenteil gibt's einen Gerichtsbericht über einen deutschen 65-Jährigen, der wegen Sex mit minderjährigen Prostituierten vor Gericht steht und offenherzig Einblicke in seine Denke gibt. Das ist im wahrsten Sinne des Wortes unheimlich! So erfährt der Leser, dass der Angeklagte "akribisch geführte Tagebücher mit Sexlisten" geführt habe. Auch das ist wohl typisch deutsch...

Sonntag, 13. Februar 2011

Sumpfblumen auf Ko Phi Phi

Hübsch, klein - und voller Sauftouristen: Ko Phi Phi.

Was bleibt, wenn man sich von Patong Beach die Sex-Touristen, die Über-40-Jährigen und die Familien wegdenkt? Eine Idee von Ko Phi Phi. Diese Insel befindet sich knapp zwei Stunden mit der Fähre von Phuket entfernt und ist ein beliebtes Ziel bei jüngeren Touristen. Und jetzt auch meins (gerade noch rechtzeitig bevor im August mein Stündlein schlägt...).

Zwei böse Omen gibt's zum Start: Ein Freund, der schon dort war, schreibt per Mail, dass ich nach Patong vermutlich hinreichend abgehärtet für Ko Phi Phi sei. Soll mich beruhigen, bewirkt aber das Gegenteil. Und auf dem Pier angekommen treffe ich zufällig zwei Australier, die ich bei der Dschungel-Tour in Kolumbien kennengelernt habe. Sie reisen ab, fanden die Insel toll, warnen mich aber dringend davor, mich im Harmony House einzuquartieren. Bingo. Genau das habe ich gebucht.

Doch diese Warnung bleibt zum Glück bedeutungslos. Aus irgendwelchen Gründen werde ich geupgradet (wer hat eigentlich dieses scheussliche Wort eingedeutscht?) und habe mit den Unterkünften fürs Volk nichts zu tun. Schwein gehabt, denn das Völkchen, das hier unterwegs ist, ist wirklich sehr speziell. Die Insel selbst ist ziemlich hübsch und so klein, dass es nicht mal Autos gibt. Und ausgerechnet hier blüht eine Sumpfblume: der internationale Sauftourismus.

Im Prinzip funktioniert das Ganze wie El Arenal in kleiner und weniger Deutsch. Tonangebend sind ohrenscheinlich die Aussies, gefolgt von Schweden. Statt Sangria-Eimern offerieren die örtlichen Händler kleine, handliche Ein-Personen-Eimer (Foto). Darin stecken etwa eine kleine Flasche Wodka, eine Dose Red Bull und eine Dose Cola - kostet umgerechnet 3,50 Euro. Das kippt man dann alles zusammen, und fertig ist der billige Rausch. Praktisch: Wem nach Leeren des Eimers schlecht ist, kann ihn umgehend wieder auffüllen. Bei Bedarf gibt's auch größere Eimer mit größeren Flaschen...

Zentrum der rauschseligen Heiterkeit ist der Strand rund um die Hippies Beach Bar. Nachmittags betrinkt man sich mit Bier in der prallen Sonne. Nachts gehen wahlweise Tütchen oder Eimer rum. Besonders bequem haben es die Herren: Sie urinieren umstandslos direkt ins Meer. Und eines darf man mir getrost glauben. Es fällt mir verdammt schwer, an dieser Stelle auf Wortspiele zu verzichten...

Werbe-Tafel an einem Restaurant.
Tja, und was kann man sonst machen auf dem knappen Eiland? Am ersten Tag laufe ich die drei Aussichtspunkte ab. Am zweiten gehe ich tauchen, unter anderem zu einem Wrack in 25 Metern Tiefe. Am dritten Tag brate ich in der Sonne. Wobei ich den trunkenen Heranwachsenden so gut ausweiche, wie es eben geht. Ich lasse sie in Ruhe - und sie mich. Meistens jedenfalls. Einmal spricht mich gegen Mitternacht ein junger Rosenheimer an. Ob ich auch zum Strand wolle. Er ist ganz zutraulich und lädt mich ein, aus seinem Eimerchen trinken. Trotzdem lasse ich ihn - am Strand angekommen - allein nach seinen Kumpels suchen. Wie lange ich bleibe, will er noch wissen. Ich antworte: "Nur ein paar Tage, mehr Zeit habe ich nicht." - "Nicht dafür", denke ich mir noch...